Enkelschule vermittelt Nähe übers Internet

In der Ausgabe vom 20. Mai erschien folgender Beitrag über das Projekt «Enkelschule»:

Neben dem Homeoffice müssen Eltern ihre Kinder vollzeitig betreuen. Das Projekt Enkelschule hilft, indem es überforderte Eltern entlastet. Und Grosseltern einspannt – online.

Wie gewohnt klingelt der Wecker am Montagmorgen, und ein langer Arbeitstag beginnt. Nur hat diese besondere Zeit die meisten Routinen komplett auf den Kopf gestellt. Der Arbeitsort ist nicht weit vom Schlafzimmer entfernt, das Wohnzimmer verwandelt sich in ein Büro, und die Kinder verbringen ihre Schulzeit in den eigenen vier Wänden.
Besonders für die Grosseltern dieser Kinder führt die soziale Isolation zu Einsamkeit. Selbst wenn ihr Wohnsitz nur zwei Wohnblöcke entfernt ist, der physische Kontakt mit den Enkeln ist zu riskant. Deshalb schlägt das Projekt Enkelschule zwei Fliegen mit einer Klatsche: Einerseits sollen Kinder mit ihren Grosseltern durch Videoanrufe kommunizieren, andererseits können sich Eltern dadurch etwas zurücklehnen.
«Die gegenwärtige Situation macht deutlich, wie wichtig es ist, dass auch die ältere Generation Verantwortung übernimmt und einen Beitrag leistet, der unentbehrlich ist», meint der ehemalige Lehrer der kantonalen Maturitätsschule für Erwachsene, Urs Baumann. Zusammen mit seinem Partner Andreas Meier hat er das Projekt Enkelschule ins Leben gerufen. Die Website soll Grosseltern und weitere Interessenten auf die Wichtigkeit der Interaktivität zwischen Grosseltern und Enkelkindern aufmerksam machen.

Neuer Kanal für Beziehungen
Das Projekt soll sie dazu anregen, durch einen Videoanruf die Kinder mit schulischen oder Freizeitaktivitäten zu beschäftigen. Es sei auch eine Möglichkeit für die Kinder, ihre Grosseltern näher kennen zu lernen. «Es ist beispielsweise auch schon ein Wettbewerb entstanden, indem beide einen Blumenstrauss gepflückt haben und um den Titel für den schönsten Blumenstrauss gekämpft haben», sagt Urs Baumann. Solcher Zeitvertreib sei laut Baumann bindungsförderlich und lässt sich auch nach der Corona-Krise im Alltag etablieren. Betreuung der Grosseltern soll nicht nur als Entlastung für Eltern dienen, sondern auch eine engere Beziehung mit dem Enkelkind aufbauen.
Enkelschule ist doppeldeutig: Wer schult eigentlich wen? Für einmal schulen nicht nur die Grosseltern ihre Enkel, sondern auch die Grosseltern haben die Möglichkeit, sich mit den verschiedenen sozialen Medien vertraut zu machen. In dieser schweren Zeit taucht die ältere Generation in die digitale Welt ein. Videokanäle wie Skype, Whatsapp oder Facetime sind ein temporäres Auffangnetz für die zwischenmenschliche Kommunikation. Obwohl die Mehrheit der Kinder mit diesen Mitteln vertraut ist, scheint es für die Grosseltern eine fremde Sprache zu sein. Ein Hauptteil des Projekts beinhalte auch eine graduelle Einführung in die verschiedenen Videokanäle für Grosseltern, die noch keine technische Affinität besitzen. «Wir wollen die Möglichkeiten und die Schwierigkeiten der digitalen Welt vertieft erklären. Dazu planen wir mittelfristig einen Onlinekurs für Senioren, welcher digitale Kompetenz fördert und Vertrauen schafft», erklärt Baumann.

Grosseltern zum Ausleihen
Es soll auch eine zukünftige Lösung bestehen für Kinder, deren Grosseltern verstorben sind oder aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage sind, ihre Enkelkinder zu betreuen. Urs Baumann: «Die Aufgabe, täglich ein Kind zu begleiten, ist anspruchsvoll. » Leihgrosseltern könnten diese Leere füllen und den Eltern behilflich sein. Dies umfängt Menschen aus dem familiären Umkreis wie Tanten, Onkeln, Götti, Gotte oder gar Nachbarn.
Für diejenigen, die im Umfeld keine Hilfsmöglichkeiten finden, sei eine weitere Option der Leihgrosselternbörse in Arbeit: Fremde könnten sich freiwillig melden und Familien mit Kindern behilflich sein. Jedoch sei diese Option heikel und schwer einschätzbar. Wie schützt man sich hier vor Missbrauch? Gemäss Baumann muss ein solches Angebot gut durchdacht werden, und es beansprucht in der Umsetzung mehr Zeit und Geld. Die Enkelschule sucht hier mittelfristig nach Lösungen.
Von Flyer bis zu Onlineinseraten – die Stimme über Enkelschule verbreitet sich durch verschiedene Plattformen. Ziel ist es, durch einen Bildschirm das Gefühl zu geben, die geliebte Person hautnah bei sich zu haben – und diese aus verschiedenen Blickwinkeln kennen zu lernen. Es sei auch eine Chance für die Älteren, sich mit der Technik vertraut zu machen und neue Kommunikationswege zu explorieren.
Baumann: «Die Krise zeigt uns, dass die digitale Welt näher liegt, als wir gedacht haben.» Nach der Corona- Krise seien diese Ansätze weiterhin verwendbar und könnten deshalb durchaus weiter bestehen bleiben. (mb.)